URBAN BODIES PROJECT - HAMBURG
Theater der Welt, Juni 2017

Auszug...von Caroline Herfert...Aus: #12 Angedockt: Alle Augen auf den Hafen! Ein Rückblick auf „Theater der Welt“ in Hamburg und seine Themen: Globalisierung, Flucht, Migration. Universität Hamburg, Forschungsstelle Hamburg (post-)koloniales Erbe

Mit zu den spannendsten und berührendsten Erfahrungen dieses Festivals zählen für mich site-specific Produktionen, die in und für Hamburg entwickelt wurden und die sich mit Einschreibungen von Geschichte(n) in den Stadtraum auseinandersetzen. Sie trugen dazu bei, ein zentrales Anliegen des internationalen Festivals zu verwirklichen: “Bringing us closer to unfamiliar worlds, changing or expanding our own view of the global through the lens of the local”[4], so Thalia Intendant Joachim Lux.
Eine dieser bemerkenswerten, kreativen Erkundungen von Hamburg, die darauf zielten, die Stadt mit anderen Augen wahrzunehmen, bot das „Urban Bodies Project“ von Yolanda Gutiérrez. Mit dem Imperativ „decolonize!“ nahm die Produktion das Publikum mit auf eine künstlerisch-wissenschaftliche Spurensuche nach kolonialen Einschreibungen im Stadtbild. Über Kopfhörer lauschte man Ideen zum Topos des Schiffs und der Plantage, die sich etwa in der Architektur des Chilehauses niederschlagen; man hörte Fakten über den Handel mit Kolonialwaren und den Reichtum, den die Hansestadt im Handel mit der kolonialen Welt erwirtschaftete – und für den die Speicherstadt bis heute steht; gelesene Passagen aus Achille Mbembes „Kritik der schwarzen Vernunft“ reihten sich an Erinnerungen an den Völkermord an den Herero und Nama, aber auch an Stimmen zur Umbenennung von Straßennamen mit kolonialen Bezügen in der Hafencity. Von Performer*innen und Tänzer*innen begleitet und durch ihre Interventionen immer wieder unterbrochen, vermochte dieser komplexe Audio-Spaziergang vom Chilehaus bis zum Festivalgelände am Baakenhöft dynamische Spannungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erzeugen, historische Abgründe und vielfältige Perspektiven auf die Hafencity als jüngsten Stadtteil aufzuzeigen.

Projektbeschreibung:
An kaum einem anderen Ort manifestiert sich die koloniale Vergangenheit Hamburgs so merkbar wie im Hafen. Auf der 1887 errichteten Kornhausbrücke, dem Tor zum Hafen, stehen hoch oben auf dem Sockel die Sandsteinfiguren von Christoph Columbus und Vasco da Gama mitsamt einer Weltkarte und einem goldenen Schwert. Und in Hamburgs jüngstem Stadtteil, der HafenCity, wimmelt es von Straßen, Plätzen und Gebäuden, die nach „Welteroberern“ wie Marco Polo oder sog. „Kolonialwaren“ benannt sind. Eine neue Welle romantisierender, kolonialer Nostalgie?

Decolonize your mind! Decolonize your body! decolonize your city!

Die deutsch-mexikanische Choreografin Yolanda Gutiérrez begibt sich gemeinsam mit der Wissenschaftlerin Tania Mancheno und einem Tänzer-Ensemble bestehend aus 5 Tänzer und Performer für Theater der Welt 2017 auf eine Spurensuche nach kolonialen Geschichten im Hafen. In einem performativen Rundgang von der Speicherstadt in die HafenCity wird der Stadtraum tänzerisch erkundet und Plätze und Monumente in einen neuen Kontext gebracht. Die HafenCity wird zum Spiel-Platz verflochtener Wege, Geschichten und Körper, die durch ihre Präsenz und Hintergründe zu neuen Deutungen einladen. Durch Interventionen, urbane Rituale und ein silent walk Audio wird die Stadt und ihre Vergangenheit befragt, überschrieben und transformiert – eine transdisziplinäre Versuchsanordnung zur Dekolonisation des Hamburger Stadtraums.

Künstlerische Leitung/Konzept/Choreographie: Yolanda Gutiérrez
Wissenschaftliche Mitarbeit: Tania Mancheno
Dramaturgie: Jens Dietrich
Kostüme & Masken: Jumu Monster
Choreographie/Tanz/Performance: Kossi Sébastien Aholou-wokawui, Moussa Isiaka, Sarah Lasaki, Trinidad Martínez, Annika Scharm
Produktionsbetreuung: Christine Focken

Audioaufnahmen:
Katharina Kerllermann / Sprecherin: Tania Mancheno/Meriem :
Chilehaus (Station 1), Brücke Poggenmühlenbrücke (Station3), Internationales Maritimes Museum Hamburg (Station 5)

Yolanda Gutiérrez, Jens Dietrich / Sprecherin: Judith Mauch, Ernest K. Pacha, Moussa Issiaka, Kossi Sébastien Aholou-wokawui.
Wandrahmsteg (Station2), Brooktorkai (Station4) Lohsepark-Baakenhöfenbrücke (Station 6 - Ausszüge aus Achilles Mbembe "Kritik der schwarzen Vernunft")

Elbpromenade-Yokohamastr. "How to hear the invisible-Echo" von Katharina Kellermann

Gefördert von der Behörde für Kultur und Medien

Unterstützt von der Körber Stiftung


               

 

Political Bodies / Yolanda Gutiérrez & Jens Dietrich

Political Body hat im Englischen eine doppelte Bedeutung. Als feststehender Begriff bezieht sich der Ausdruck auf eine politische Institution. Und wortwörtlich genommen geht es um das Politische des Körpers. Mit dem Projekt Political Bodies beabsichtigten wir die Bandbreite zwischen den beiden Lesarten sichtbar zu machen: Welche politische Rolle übernimmt der Körper in der Kunst, und wie wird aus einer künstlerischen Bewegung eine politische.

Die ersten Ideen für die Tanzperformance Political Bodies entstanden, als Yolanda Gutiérrez 2012 eine Künstlerresidenz an der Ecole des Sables in Toubab Dialaw machte und mit Tänzern aus der Hip-Hop-Szene Dakars in Kontakt kam.

Aufführung Kampnagel, Hamburg
Jennifer Beck, spex

Erschienen im März 2016
ISBN 978-3-938218-80-8

Herausgegeben von Yolanda Gutiérrez & Jens Dietrich

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